Manchmal ist es besser zu bloggen als zu reden.

4th April 2010

Text with 1 note

Buchzitat

“Ich werde einen kurzen Text vorlesen.” Ihre Stimme blieb ihr fast im Hals stecken; sie trat näher ans Mikrofon. “Einen kurzen Text”, wiederholte sie, “über meine Schwestern.”

Vor lauter Überraschung musste ich blinzeln. Warf einen Blick zu Kirsten hinüber. Wollte etwas sagen, liess es aber, weil ich mir nicht schon wieder ein “Psst” einfangen wollte.

Whitney schluckte, blickte auf ihre Blätter, deren Ränder kaum wahrnehmbar zitterten. Sie sah aus, als hätte sie Angst. Und plötzlich erschien es im Raum viel zu still. Doch dann fing sie an zu lesen.

“Ich bin die mittlere Schwester. Die dazwischen. Nicht die Älteste, nicht die Jüngste, nicht die Mutigste, nicht die Netteste. Ich bin der Grauton, das halb volle oder halb leere Glas, je nachdem, wie man es betrachtet. Es gab wenige Dinge in meinem Leben, die ich zuerst oder besser gemacht habe als diejenige vor oder nach mir. Doch ich bin die Einzige, die zusammengebrochen ist.”

Ich hörte das Klingeln der Türglocke, drehte mich auf meinem Stuhl um. Eine etwas ältere Frau mit langen, lockigen Haaren betrat das Lokal. Als sie Whitney am Mikrofon stehen sah, lächelte sie, stellte sich hinten hin und begann, ihren Schal vom Hals zu wickeln.

“Es geschah an dem Tag, an dem meine jüngere Schwester ihren neunten Geburtstag feierte. Ich hatte schon den ganzen Tag im Haus herumgehangen und geschmollt und gedacht, entweder kümmert sich niemand um mich oder alle wollen was von mir. Das war nichts Neues oder Besonderes, denn im Grunde war meine Festplatte schon im zarten Alter von elf Jahren so konfiguriert.”

Kirsten machte ganz grosse Augen, als ein Mann an einem der Nebentische amüsiert auflachte. Auch von anderen im Publikum war leises Gelächter zu hören. Whitney wurde rot und - lächelte ebenfalls. “Meine ältere Schwester - die Gesellschaftsnudel der Familie - wollte mit ihrem Rad zum Schwimmbad fahren, um sich mit ein paar Freunden zu treffen. Sie fragte mich, ob ich mitkommen wolle. Ich wollte nicht. Ich wollte mit niemandem zusammen sein. Meine ältere Schwester war die Liebenswürdige, meine jüngere Schwester die Süsse, ich die Dunkelheit. Niemand verstand meinen Schmerz. Nicht einmal ich selbst.”

Erneutes Gelächter, diesmal von jemanden, der auf der anderen Seite des Raumes sass. Whitney lächelte wieder. Meine mittlere Schwester konnte also witzig sein. Wer hätte das gedacht?

“Meine ältere Schwester stieg auf ihr Rad und fuhr Richtung Schwimmbad. Ich fuhr hinter ihr her. Ich fuhr immer hinterher, und als wir da auf unseren Rädern sassen, ärgerte ich mich plötzlich masslos darüber. Ich hatte die Nase voll davon, immer nur die Zweite zu sein.”

Wieder blickte ich zu Kirsten hinüber. Sie beobachtet Whitney konzentriert, als wäre ausser ihnen beiden niemand im Raum. “Deshalb drehte ich um. Plötzlich war die Strasse vor mir leer, eine ganz neue Sicht auf die Welt. Alles gehörte mir, war nur für mich da. Ich trat, so schnell ich konnte, in die Pedale. Es war toll. Das ist Freiheit immer, auch die, die man sich nur einbildet. Aber während ich weiterfuhr, bis das, was vor mir lag, mir fremd wurde, unbekanntes Terrain, wurde ich mir plötzlich auch der Entfernung bewusst, die ich bereits zurückgelegt hatte. Ich fuhr immer noch volles Tempo, weg von zu Hause, als mein Vorderrad plötzlich umknickte. Und ich flog.”

Kirsten neben mir rutschte auf ihrem Stuhl herum. Ich rückte näher mit meinem Stuhl an sie heran.

“Ein echt krasses Gefühl, plötzlich durch die Luft befördert zu werden. Du bist noch dabei, es überhaupt zu begreifen, und da ist es schon wieder vorbei. Du fällst. Als ich auf dem Asphalt aufschlug, hörte ich, wie der Knochen in meinem Arm brach. Und in den folgenden Sekunden, wie sich mein Vorderrad in der Luft weiterdrehte, die Speichen knackten. Doch alles, was mir durch den Kopf ging, war das, was mir immer durch den Kopf ging. Was ich immer dachte, sogar in jenem Augenblick: Das ist nicht fair. Für einen Moment zu schmecken, wie Freiheit schmeckt, aber sofort dafür bestraft zu werden.”

Ich wandte mich um, blickte zu der Frau hinten neben der Eingangstür. Sie liess Whitney nicht aus den Augen.

“Mir tat alles weh. Ich schloss die Augen, presste meine Wange auf die Strasse und wartete. Auf was, wusste ich nicht. Darauf, gerettet zu werden. Oder gefunden. Aber niemand kam. Ich hatte immer geglaubt, dass in Ruhe und allein gelassen zu werden, mein grösster Wunsch wäre. Bis ich in Ruhe und allein gelassen wurde.”

Ich schluckte. Ich blickte auf meine Tasse, schlang meine Finger darum.

“Ich weiss nicht, wie lange ich da lag, bis meine Schwester zu mir kam. Mir ist im Gedächtnis, dass ich in den Himmel starrte, wo die Wolken vorbeizogen. Dann hörte ich auf einmal, wie sie meinen Namen rief, schlitternd neben mir abbremste. Sie war der letzte Mensch, den ich in diesem Moment sehen wollte. Und dennoch, wie so viele Male zuvor und danach, der Einzige, der da war.”

Whitney hielt inne und atmete tief durch.

“Sie half mir hoch und setzte mich auf ihre Lenkstange. Mir war völlig bewusst, dass ich ihr eigentlich dankbar sein sollte. Stattdessen war ich während der gesamten Heimfahrt wütend. Auf mich, weil ich gestürzt war. Auf sie, weil sie es mitbekommen hatte. Als sie mit mir in unsere Einfahrt radelte, kam meine jüngere Schwester, das Geburtstagskind, aus dem Haus gestürmt. Sobald sie mich mit meinem lose runterbaumelnden Arm sah, rannte sie wieder rein und rief nach unserer Mutter. Das war seither ihre Rolle gewesen, als die Kleine. Sie hat immer alles erzählt.”

Ich erinnerte mich gut an die Situation. In jenem Moment hatte ich sofort begriffen, dass irgendetwas nicht stimmte. Und zwar, weil Kirsten und Whitney so eng beieinander waren, wie sonst nie.

“Mein Vater brachte mich zur Notaufnahme, wo man den Knochen richtete, den Arm eingipste. Als wir nach Hause zurückkehrten, war die Party fast vorbei. Die Geschenke waren bereits ausgepackt, die Geburtstagstorte wurde gerade serviert. Auf den Fotos, die an diesem Tag aufgenommen wurden, halte ich meinen einen Arm vor den eingegipsten anderen. Als ob ich dem Gips nicht zutrauen würde, mich beziehungsweise meinen gebrochenen Knochen zusammenzuhalten. Meine ältere Schwester, die Heldin, steht auf der einen Seite neben mir, meine jüngere, das Geburtstagskind, auf der anderen.”

Ich kannte das Bild natürlich auch: Ich, im Badeanzug, ein Stück Torte in der Hand; Kirsten stemmt eine Hand in die Hüfte, die sie kess vorschiebt, und lächelt strahlend in die Kamera.

“Jahrelang sah ich, wenn ich mir diesen Schnappschuss anschaute, stets bloss meinen gebrochenen Arm. Erst später nahm ich auch andere Dinge wahr. Zum Beispiel, wie meine beiden Schwestern lächeln und sich mir zuwenden, während ich, wie immer, zwischen ihnen stehe.”

Whitney atmete erneut tief durch. Blickte auf ihre Aufzeichnungen.

“Es war nicht das erste Mal, dass ich vor meinen Schwestern davongelaufen bin. Und nicht das letzte Mal, dass ich dachte, Alleinsein wäre auf jeden Fall die bessere Alternative. Ich bin immer noch die Schwester in der Mitte. Aber ich sehe das jetzt differenzierter. Es muss eine Mitte geben. Ohne Mitte kann nichts wirklich vollständig sein. Denn die Mitte ist nicht nur der Raum dazwischen, sondern auch das, was alles zusammenhält. Danke.”

Ich sass da, einen dicken Kloss im Hals, während um mich herum die Leute zu klatschen begannen. Erst vereinzelt, hier und dort, doch allmählich erfüllte der Applaus den ganzen Raum. Whitney wurde rot, legte eine Hand auf ihre Brust. Doch als sie nun hinter dem Mikrofon hervortrat, lächelte sie. Kirsten neben mir hatte Tränen in den Augen.

Als Whitney zu unserem Tisch zurückkehrte, nickten ihr die Leute, an denen sie vorbeilief, anerkennend zu. Ich war so stolz auf sie! Ich konnte mir nämlich absolut vorstellen, wie schwer es ihr gefallen sein musste, diesen Text laut vorzulesen. Nicht nur vor allen Fremden, sondern auch vor allem vor uns beiden. Aber sie hatte es getan. Während ich meiner Schwester entgegenblickte, fragte ich mich, was letztlich schwerer war. So etwas überhaupt offen auszusprechen? Oder wem gegenüber man es aussprach? Aber vielleicht zählte am Ende, wenn es endlich raus war, doch nur die Geschichte selbst.

Just Listen - Sarah Dessen

  1. idrilian posted this
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